Sie machen den Weg frei

Wenn Frau Holle Gas gibt, läuft der Winterdienst im Kleinwalsertal auch zur Höchstform auf und sorgt dafür, dass Schnee und Eis dort sind, wo sie hingehören – nicht auf die Straße.

Schnee ist das Lebenselixier einer Wintersportdestination wie dem Kleinwalsertal. Er wird mit großer Freude erwartet und je mehr fällt, umso höher schlagen die Herzen der Wintersportler und -wanderer. Doch wenn die weiße Pracht auf Straßen und Gehwegen liegen bleibt und in Windeseile anwächst, kann der Wintertraum auch zum Hindernis werden - im schlimmsten Fall gefährlich. Im Kleinwalsertal ist man in Sachen Schneebeseitigung gut aufgestellt. Die Straßenmeisterei des Landes Vorarlberg, der Bauhof der Gemeinde Mittelberg und zahlreiche Dienstleister arbeiten Hand in Hand und sorgen unermüdlich für geräumte Straßen, Gehwege und Winterwanderwege.

Es ist 3.30 Uhr morgens, als sich Hermann Türtscher auf den Weg zur Frühschicht macht. Seine letzte Tour ist er um 22.00 Uhr gefahren. Seitdem hat es munter vor sich hin geflöckelt, allerdings noch nicht ganz so ergiebig, wie es laut Wetterbericht zu erwarten war. Dennoch liegt die Straße unter 20 cm luftig-leichtem Neuschnee. Zeit seinen treuen Begleiter in den Wintermonaten wieder aus der Garage zu holen: Ein 26-Tonner mit 400 PS, allein der 3,6 m breite Frontpflug ist fast 1,6 Tonnen schwer. Mit ihm und einem weiteren Schneepflug sowie einer kleinen Fräse für die Feinarbeit räumen Hermann und das Team der Straßenmeisterei Kleinwalsertal die L201, die Hauptstraße und sozusagen die 13 km lange Lebensader des Kleinwalsertals. Sie verläuft von der Walserschanze, der Grenze zwischen Deutschland und Österreich, bis nach Baad. In der kleinen Küchenzeile der Straßenmeisterei hat die Kaffeemaschine in diesen Tagen Hochbetrieb und auch sonst lässt das Leergut diverser koffeinhaltiger Getränke vermuten, dass die letzten Tage von intensiveren Schichten geprägt waren. Wenn der Schneefall kein Ende mehr zu finden scheint, fährt der Winterdienst in Orange bis zu elf Touren, 286 km am Tag.

Wenn das Thermometer Achterbahn fährt

Als sich die zwei Schneepflüge um 4.00 Uhr in Baad in Bewegung setzen, liegt das Tal noch verschlafen unter seiner frischen Schneedecke. Es schneit jetzt immer stärker und hell angestrahlt tanzen große Flocken im Scheinwerferlicht des Schneepflugs. Rechts vom Fahrerhaus sprüht eine weiße Pulverschnee-Fontäne in die Höhe. Natürlich macht die Technik heute vieles einfacher und bietet mehr Komfort, doch jeder Winter ist anders und bringt seine ganz persönlichen Herausforderungen mit sich.

Dabei ist für den Winterdienst die Schneemenge in der Regel das kleinere Problem, wenn das Thermometer Achterbahn zu fahren beginnt, denn dann wird es umso schwieriger die Glatteisgefahr im Bann zu halten. Die richtige Dosierung des Streusalzes ist komplex, insbesondere wenn man versucht, dabei auf die Ökobilanz zu achten.

Trockensalz, meist in Form von Natriumchlorid (NaCl), ist zwar nicht die umweltfreundlichste Variante, aber die verlässlichste, wenn es darum geht, für Sicherheit auf der Straße zu sorgen. In Österreich ist auf öffentlichen Straßen der Einsatz von „auftauenden Streumitteln“ sogar per Gesetz vorgegeben. Die Menge spielt dabei eine entscheidende Rolle: Je nach Wettersituation und Straßenverhältnissen kann das Salz verwässert werden, wodurch sich der Gefrierpunkt verschiebt und infolgedessen mehr gesalzen werden muss. Hermanns oberste Prämisse: die Dosierung zu optimieren und so umweltverträglich zu machen.

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Wohin mit all dem Schnee?

Der erste Teil für die Schneeräumung der Bundesstraße ist abgeschlossen. Als nächstes wird verladen, das heißt in jedem Ort wird später eine Schneefräse fahren und die angehäuften Schneeberge auf LKWs fräsen. Diese fahren die Schneemassen dann zum jeweiligen Schnee-Abladeplatz. Die Entscheidung, ob verladen wird, treffen Hermann Fritz, Betriebsleiter des Bauhofs, bereits um 3.00 Uhr morgens. Eine Entscheidung, die gut überlegt sein will, denn mit einem Anruf setzen sie eine weitreichende Kettenreaktion in Gang. In Folge rücken dann eine Reihe von Dienstleistern zum Schneeräumen in den drei Orten Mittelberg, Hirschegg und Riezlern aus, so dass die Schneefräsen um ca. 5.30 Uhr mit der Arbeit beginnen können. Mit Beginn des Berufs- und Ausflugsverkehrs sollen die Straßen so frei wie möglich sein. Wenn es darum geht einzuschätzen, ob und wie groß das Räumkommando zu sein hat, kann der beste Wetterbericht ihre langjährigen Erfahrungswerte nicht ersetzen. Überschätzen sie die Lage, kommt es zu kostenintensiven Leerfahrten. Unterschätzen sie den Schneefall, wäre ein Schnee- und Verkehrschaos vorprogrammiert.

Langsam kommt das Tal in Bewegung. Erste Lieferanten für Hotels, Restaurants und Lebensmittelgeschäfte fahren taleinwärts, einige Talbewohner machen sich auf den Weg an ihren Arbeitsplatz talauswärts und bald fahren die ersten Schulbusse. Ohne den unermüdlichen Einsatz des Schneeräumdienstes im Kleinwalsertal würde der Winter die Bewegungsfreiheit von Einheimischen und Gästen wohl auf so manche Art einschränken. Jeder versucht, sein Bestes zu geben, allerdings immer mit einer Unbekannten in der Gleichung, der Natur. So bekommt man vielleicht auch einen neuen verständnisvollen Blickwinkel, wenn Straßen, Gehwege, Winterwanderwege oder Loipen mal noch nicht perfekt geräumt oder präpariert sein sollten.

Text: Britta Maier
Bilder: D. Berchtold, H. Türtscher

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