Karle's Gespür für Schnee

Karle Bischof ist stellvertretender Pistenchef der Kanzelwandbahn. Er ist Schneemanager, Pistenraupenfahrer, Sprengbeauftragter und Organisator. Als Schneeflüsterer weiß er, dass eine Piste nach dem Präparieren sechs bis acht Stunden Ruhe braucht, fast wie ein guter Brotteig. Nur dann steht dem Genuss am nächsten Tag nichts im Weg und die Piste ist wie eine leckere Scheibe frisches Holzofenbrot: Knusprig, aber dennoch zart und einfach ein Gedicht.

Wenn um 17 Uhr alle Skifahrer im Tal sind und die Bahnmitarbeiter auf ihrer letzten Kontrollfahrt des Tages dieses auch per Funk bestätigen, startet der letzte Teil eines langen Arbeitstages für Karle Bischof und seine Kollegen. Denn dann nehmen vier seiner sechs Kollegen Platz in ihren PS-starken Pistenraupen und tanzen in immer wieder kehrenden Abfolgen über den Schnee. Sie ackern, schieben, pflügen und ebnen. Sie fahren vor und zurück, machen halbe Drehungen, um dann wieder von Neuem zu beginnen.

In Karle´s Pistenraupe, der eigentlich Karl heißt, aber lieber Karle genannt werden möchte, sieht es aus wie in einem Hubschrauber-Cockpit: Viele Knöpfe, zwei große Displays, ein Joystick mit dem sich mühelos das tonnenschwere Hightech-Gerät milli-metergenau bewegen, ja tanzen lässt. Es rüttelt und schüttelt, es blinkt und piept, Karle lässt sich da nicht aus der Ruhe bringen. Er sitzt hochkonzentriert in der Mitte des Fahrzeugs, schiebt den Schnee von den Seiten wieder Richtung Pistenmitte. Er fährt fasst stoisch ein Stück Piste immer wieder rauf und runter, vor und zurück, bis er vom Ergebnis zufrieden ist. Dann nimmt er den nächsten Teilabschnitt in Angriff. Wieder vor und zurück, vor und zurück, eine halbe Drehung und wieder vor und zurück. Je nachdem wie viel Betrieb auf der Piste war, wie warm oder kalt es ist, ob nasser oder trockener Schnee dominiert, kann das Präparieren schon mal bis 23 Uhr dauern.

Ich erfahre vom sympathischen Walser, dass es vor allem im Frühling schwierig ist, denn dann wird der Schnee tags-über windelweich und zieht am späten Nachmittag mit sinkenden Temperaturen wieder schnell an. Dann hat das Präparieren zuweilen nichts mehr von einem leichtfüßigen Squaredance, sondern gleicht mehr einem Tango – wo die beiden Tanzpartner Schnee und Raupe einen ruppigen Kampf miteinander ausfechten. Karle Bischof nimmt uns mit ins Cockpit seines 535 PS-starken Prinoth und erklärt während einer langen Abendschicht wie seine Arbeitstage im Winter aussehen, was er im Sommer macht und warum für ihn privat eher kein Skiurlaub infrage kommt.

Seit 2012 sitzt Karle jede Wintersaison in der Pistenraupe, ein begehrter Job, zumindest früher, räumt er ein. Er sei mit ein bisschen Glück an die freie Stelle bei der Kanzelwandbahn gekommen, erzählt Karle weiter. Gelernt, ja gelernt hat er Raumausstatter, war danach lange Jahre LKW-Fahrer und hat auf dem Bau gearbeitet, dann ergab sich der Wechsel zum Pistenraupenfahren – die ersten beiden Winter saisonal begrenzt. Nach zwei Jahren wurde ihm eine Ganzjahresstelle angeboten, er nahm an. Im Sommer 2014, genau genommen am 1. Juni kam dann der Titel „stellvertretender Pistenchef“ dazu. Karle stellte sich der Herausforderung und meistert sie seither mit viel Schwung und Teamspirit. Die Crew ist ein eingeschworener Haufen, der füreinander einsteht. „Krankheitstage sind selten“, meint der Karle. Und, dass ein gutes Team einfach ganz wichtig ist. Und weil wir gerade den Dieselmotor anwerfen, fällt mir folgender Vergleich zum Team ein: Die sieben sind wie ein Motor, der den ganzen Betrieb am Laufen hält. Und Karle ist das Öl, das den Motor perfekt schmiert und schön smooth hält. Aber kommen wir wieder zurück auf den Boden, oder besser die Piste der Tatsachen.

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Perfektionismus und Effizienz: Karle, der Schneemanager

Wir ruckeln gerade einen Pistenabschnitt rauf und runter. Das weit ausladende Schild pflügt in den Schnee, der als dicke Walze zusammengeschoben ein illustres Schauspiel abgibt. Es sieht ein bisschen aus wie eine milchigtrübe Ozeanwoge, die nicht zusammenbrechen will. Auf dem Bildschirm direkt vor ihm wird das Gelände abgebildet. Zahlen verraten Karle die exakte Schneehöhe, sprich: zentimetergenau. Auf einmal erscheint im Display: Keine GPS-Übertragung möglich. Wie GPS? Ich dachte Karle kennt den Berg wie seine Westentasche? Tut er auch. Nur um so effizient, ökologisch und ökonomisch wie möglich arbeiten zu können, vertrauen die Pistenraupenfahrer auf satellitengesteuertes Hightech. Entsprechend sind seit 2017/18 alle vier Fahrzeuge der Kanzelwandbahn mit einem Schneemessgerät ausgestattet.

Übrigens ein „Roter“ und drei „Schwarze“, soll heißen: Drei Prinoth Raupen und ein Pistenbully aus dem Hause Kässbohrer.

Und um es auch gleich noch erwähnt zu haben: Prinoth oder Pistenbully ist so wie Mercedes Benz und BMW – man wechselt nicht – Ehrensache. Die Raupenfahrer der Kanzelwand sind da eine Ausnahme – soll es geben, liegt vielleicht auch daran, dass sie ein 2-Länder-Skigebiet sind: Österreich und Deutschland, aber das ist jetzt reine Spekulation … Kommen wir wieder zurück zum Schneemanagement.

Mithilfe des satellitengesteuerten Pisten- und Schneemanagement-Systems kann nicht nur die Schneetiefe im gesamten Skigebiet auf den Zentimeter genau bestimmt werden, sondern zusammen mit dem vorhandenen Naturschnee eine exakte Beschneiung geplant werden. Überflüssige Schneeproduktion kann dadurch vermieden, der Schnee optimal verteilt und genutzt werden. Und auch die Pistenpräparierung lässt sich ökonomischer, ökologischer und effizienter steuern. Kosteneinsparungen von gut 10 Prozent, und Ressourceneinsparungen von 12 Prozent im Durchschnitt sprechen eine deutliche Sprache. Darüber hinaus kann durch eine optimierte Fahrweise der Treibstoffverbrauch verringert werden. Karle drückt es zum Schluss so aus: „Es hilft niemandem wenn wir im Frühjahr irgendwo noch fünf Meter Schnee rumliegen haben.“

„Unser Anspruch: eine perfekte Piste an jedem Tag der Saison“

Neben den ökonomischen und ökologischen Aspekten eines professionellen Schnee- und Pistenmanagements ist Karle aber sehr wichtig zu erwähnen, dass es ihm und seinem Team vor allem darum geht „unseren Gästen jeden Tag in der Wintersaison eine perfekte Piste bieten zu können. Man will halt ein perfektes Produkt abliefern“, erklärt Karle und schiebt noch hinten nach, dass allerdings das Präparieren den kleinsten Teil des Fulltimejobs ausmacht.

Wir sind gerade dabei an der Zwerenalpbahn-Talstation den Lifteinstieg wieder sauber zu ebnen. „Damit dr´Liftler morgen zfrieden isch“, spricht der Raupenfahrer und fährt haarscharf mit seinem Schild an den Drehkreuzen vorbei. Ein Blatt Papier hätte wohl nicht mehr dazwischen gepasst. Mit viel Piepen setzt Karle seine Raupe wieder zurück. Ich frage wie lange es dauert bis man ein Fahrzeug so beherrscht. Darauf antwortet der Vize-Pistenchef: Es gibt neue Fahrer, die tun sich schon schwer, andere haben den Dreh schneller raus, aber es soll auch schon mal vorkommen, dass man es nie so recht lernt. Auch für ihn war es anfangs schwer, räumt Karle ein. Je nachdem wie viel man fährt und wie talentiert man ist, braucht es aber in jedem Fall mehr als eine Saison bis man das Pistengerät gut beherrscht, klärt mich der Pistenraupenfahrer auf.

Fortbildungen – einmal pro Jahr geht es zum Fahrertraining

Gut seien die bisher jährlich stattfindenden Fahrertrainings. Die wären einerseits super für die jungen Fahrer, die erst anfangen, aber auch so alte Raupen-Hasen wie sein Kollege Roland, könnte hier immer noch etwas lernen. „Letztlich geht es auch hier darum, dass man effizienter, ökonomischer und ökologischer unterwegs ist.“ Aber vom Fahrertraining seien immer alle begeistert.

„Mein Kollege Roland fährt schon seit 27 Saisonen Pistenraupe, da geht es dann sehr ins Detail, aber auch er lernt gerne noch etwas dazu. Von uns aus könnte das gerne öfter stattfinden“, schwärmt Karle.

Langsam sieht der Lifteinstieg zur Zwerenalpbahn wieder jungfräulich aus und wir widmen uns dem nächsten Pistenabschnitt. Weiter oben hängt Kollege Roland mit seinem Pistenfahrzeug an der Winde und bearbeitet ein Steilstück.

Karles Lieblingsaufgabe: Pisten sicher machen

Ich frage ihn, was er so den ganzen Tag macht, man könne ja erst am Abend die Piste aufbereiten. Nun, da steht für Karle und sein Team die Sicherheit an erster Stelle. Und so wird jeden Tag das Skigebiet überprüft, ob alle Netze intakt sind, die Schneeerzeuger korrekt gesichert und die Markierungen in Ordnung sind. Ein Ritual, das die meiste Zeit in Anspruch nimmt. Das Präparieren am Abend ist im Verhältnis gesehen der kleinste Bereich. Karle ist als stellvertretender Pistenchef zusätzlich noch mit allerhand organisatorischen Belangen und etwas PC-Arbeit beschäftigt. Außerdem werden die Raupenfahrzeuge und Schneeerzeuger regelmäßig inspiziert. Langweilig wird es nie, sagt Karle. Und kommt dann noch wie im Januar 2019 innerhalb von einer Woche eine Masse an Schnee, dann ist anstatt um 7.30 Uhr schon um 6 Uhr morgens Arbeitsbeginn. Dann rückt Karle als Sprengbeauftragter mit seinen drei Sprengbeauftragten-Kollegen den Schneemassen zu Leibe und sprengt weg, was einen sicheren Pistenbetrieb verhindern könnte.

„Wir arbeiten intensiv mit der Lawinenkommission zusammen. Wir klären immer ab, was man ggf. sprengen muss und was eventuell innerhalb des Gebietes für den Skibetrieb gesperrt werden muss“, so Karle über die wichtige Aufgabe der Pistensicherheit.

Die Zusammenarbeit mit der Lawinenkommission klappt gut, weil es immer die gleichen Personen sind, die zur Kanzelwandbahn kommen. Ein wichtiger Aspekt, denn, neben der Tatsache, dass seitens der Lawinenkommission oft ein Schneeprofil für die weiteren Entscheidungen erstellt wird, können auch sichtbare Veränderungen viel intensiver wahrgenommen werden. Sprich, wie hat sich ein Hang seit der letzten Sichtung verändert, wie hat sich die Schneedecke entwickelt? Hat sie sich gesetzt, oder haben sich Schneemäuler gebildet, etc.

Wenig Schnee: Viel Arbeit

Wir treffen einen jungen Kollegen im roten, sprich Pistenbully. Es wird sich per Funk gegrüßt – alles sei okay. Jeder zieht weiter seine Bahnen im Schnee. Ich frage Karle ob wenig Naturschnee dann weniger Arbeit bedeutet. Nein, im Gegenteil. Wenig Naturschnee zu Saisonbeginn bedeutet, dass Schnee technisch erzeugt werden muss. Und dieses Verfahren funktioniert zwar maschinell aber nicht vollautomatisch. Hier sind die Pistenbetreuer dann 24 Stunden im Dienst, genau genommen im 12-Stunden-Schichtdienst. Denn auch nachts müssen die Schneekanonen – wie sie landauf, landab genannt werden – regelmäßig überprüft werden. In kalten Nächten muss zusätzlich noch über den PC akribisch jeder Schneeerzeuger überwacht werden. Wenn es windet besteht die Gefahr, dass sich das Gerät selbst einschneit, dann einfriert und im schlimmsten Fall kaputt geht und erst wieder aufwändig repariert werden muss. „Viel Schnee ist arbeitsintensiv, wenig Schnee auch“, resümiert Karle nach acht Jahren Betriebszugehörigkeit. Mich interessiert, ob er etwas besonders gerne macht, in seinem Job, also neben dem Pistenraupenfahren.

„Das Herrichten von den Pisten am Anfang der Saison ist immer interessant und das Sprengen – da hast deine Ruh“, grinst der Karle spitzbübisch.

Ich frage mich, und ihn, auf was er privat im Skiurlaub in Sachen Pisten so Wert legt. Da kommt dann, nach kurzer Überlegung: „Nein, er würde nicht unbedingt in den Skiurlaub fahren. Das sei zu nah an seinem Job, da reiche ihm der Saisonwirbel an der Kanzelwand. Außerdem braucht er es im Urlaub ruhig und warm. Und so fährt er mit seinen ganzen Mädels jedes Jahr im Mai in die Türkei, da gefällt es ihm. Die Menschen seien unglaublich nett und so gastfreundlich. Außerdem ist es dann noch nicht so heiß, aber das Meer schon angenehm warm. Weil, zu heiß mag er es auch nicht. Und nach so einem Tapetenwechsel freut er sich dann immer auf zu Hause und die Sommersaison an der Kanzelwand. Da geht es dann darum die Wege, für die sie zuständig sind, instand zu setzen, die Grün- und Pistenflächen sauber zu halten, und die Pumpstationen zu reinigen und revisionieren. Außerdem muss der der Burmi-Wasserweg instandgehalten und für das Vieh Zäune angebracht werden. Und der Mechaniker macht die Sommerrevision von den vier Pistenraupen. „Da haben wir einen guten“, sagt Karle. Und schiebt noch hinten an, dass er (der Mechaniker) am liebsten in seiner Werkstatt sei, oben am Berg. Wir könnten wohl noch stundenlang so weiterreden, aber wir sind im Tal angekommen. Ich bin hundemüde, der Karle hingegen sitzt noch putzmunter auf dem Fahrersitz. Er müsse noch ein bisschen was machen, dreht dabei das Radio laut und verschwindet piepend wieder in die Nacht. Lang kann es nicht mehr dauern denke ich mir, schließlich muss die Piste ja noch ausreichend ruhen, um am nächsten Tag für viele Genussmomente sorgen zu können.

Bilder: Frank Drechsel

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